Somalia aktuell
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„Draußen ist Freiheit… Eine deutsche Nachkriegsbiographie“ – Teil 2

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„Warum können die keinen ordentlichen Staat bilden, wenn sie überwiegend ein Volk sind?“

„Die Clans bekämpfen sich, als seien sie fremd einander. Die einen sind sesshaft, die anderen Nomaden. Die großen Clanfamilien zerfallen in viele kleine unabhängige Gruppen und die wieder in zerstrittene Sippeneinheiten. Eine Gesellschaft mit wechselndemTäter- und Opferverhalten, was zu endlosen Blutfehden führt. Ein Land voller Verbrechen und Wasser- und Weidekriegen. Wirtschaftlich völlig uninteressant, keine Rohstoffe im Land.“

„Und warum wollen so viele fremde Mächte diese Region beherrschen?“

„Geostrategisch ist der Zipfel zwischen Rotem Meer und dem Indischen Ozean nicht uninteressant. Wir sind im Zweiten Weltkrieg in Italienisch-Somaliland einmarschiert.“

„Und habt das Land dann zur Britischen Kolonie gemacht?“

„Nein, das war für uns nicht so wichtig. Wir hatten ja Britisch-Somaliland, und Aden gegenüber im Jemen hatten wir auch. Der Seeweg vom Golf am Roten Meer zum Indischen Ozean war uns gesichert. Und den wichtigsten Rest der ostafrikanischen Küste hatten wir ebenso. Wir haben nach dem Krieg das Land den Italienern zurückgegeben als UN-Treuhandgebiet.“

„Warum habt ihr schließlich die Kolonien aufgegeben?“

„Kolonialgebiete zu halten ist teuer, vor allem wenn sie wirtschaftlich keinen Nutzen bringen. Da macht es Sinn, einheimische Regierungen zu unterstützen, die unseren Interessen wohlgesinnt sind. So haben wir unser Schutzgebiet mit dem der Italiener zusammengeführt. Nun ist das Land offiziell eine Republik.“

„Und was machen wir... was machst du dort auf unserer Exkursion?“

„Geheime Kommandosache! Na gut, ich erzähl´ es dir. Die Sowjets bilden seit einiger Zeit Militärkräfte aus. Und auch die Chinesen sind hier aktiv. Die Italiener betreiben weiter ihre Geschäfte in sozialen und kulturellen Angelegenheiten und in wirtschaftlichen natürlich auch. Somalia wurde der Europäischen Wirtschaftsgemeinschaft assoziiert. Die Beziehungen zu Britannien leiden darunter. Auch zu Frankreich sind die Beziehungen angespannt. Die Deutschen locken mit Wirtschaftshilfe und die USA trainieren die Polizeieinheiten. Kurz: Hier tummelt sich alle Welt. Da muss ich im Britischen Interesse auch ein paar Fäden ziehen.“

„Und was mach´ ich in dem Land?“

„Schau dich um. Ich stell´ dich meinen Leuten dort vor, die werden dir einiges zeigen.“

*

Wir treffen uns zwei Tage darauf am Flughafen von Dâr as-Sâlam. Ich habe meinen Tornister geschultert. Ohne Ausreiseformalitäten besteigen wir ein kleines einmotoriges Flugzeug. Die Propeller am Bug rotieren in beschleunigtem Tempo, die Maschine hebt ab...

Im Anflug auf die Hauptstadt Somalias macht der Flieger einen kleinen Schlenker um ein arabisch anmutendes Mauerwerk an der felsigen Küste.

„Das ist die Zitadelle von Mogadishu“, ruft der Pilot uns zu, „nur noch ein paar Meilen westwärts und wir sind da.“

(Leicht geänderter Textauszug aus: Nandinda, „Draußen ist Freiheit… Eine deutsche Nachkriegsbiographie“, Deutsche Literaturgesellschaft, Berlin 2009)
Veröffentlicht mit freundlicher Genehmigung des Autors Dr. Björn Pätzoldt


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