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„Draußen ist Freiheit… Eine deutsche Nachkriegsbiographie“ – Teil 3

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Small talk: „Female Genital Mutilation“

Hüpfend landet der Flieger auf dem holprigen Rollfeld. Ein kleiner Flughafen. Keine Passkontrolle. Eine Limousine holt uns vom Flughafen bei Mogadishu ab. Wir fahren in die Stadt. Sandige Straßen, kleine Häuser, wenig Verkehr. Vor einem bescheidenen Hotel gegenüber vom Postamt werde ich abgesetzt.

„See you later“, ruft mir der Diplomatenfreund aus dem Wagen zu.

„Okay“, rufe ich zurück und kehre dem Wagen den Rücken. Ich betrete den Vorraum der Pension und buche ein Zimmer für zwei Nächte. In dem mir zugewiesenen Raum lege ich mein Gepäck auf einem metallumrandeten Bett ab und beschließe, die Stadt zu erkunden.

Ich schlendere durch den Straßenstaub, die Menschen nehmen mich kaum wahr. Wie unsichtbar komme ich mir vor, als spaziere ich mitten in ein bewegliches Bild auf einer großen Kinoleinwand hinein. Alles wirkt hell und grell. Graue Flachdachhäuser mit geriffelten Mauersimsen rechts und links, sandige, steinige Straßen ohne Fußgängerwege, ein Minarett ragt aus dem Boden. Im Schatten von Häuserwänden hocken ausgemergelte Gestalten, andere liegen zusammengekrümmt, verhungernd und verdurstend am Straßenrand. ...

Als ich in meine Bleibe in dem bescheidenen Hotel zurückkehre, sehe ich auf dem Boden vor der Tür meines Zimmers eine handschriftliche Notiz auf einem Zettel liegen: „Tonight, 8:00 o´clock. Small reception. You are fetched. Greeting.“

Ich werde am Abend von einem Chauffeur abgeholt und zu einer Villa gefahren. Der Empfang an der Haustür der mir fremden Gastgeber ist anfangs förmlich und steif und hätte herzlicher werden können, als mich der vertraute Diplomat aus einer entfernteren Männerrunde zuwinkt und ruft: „Come on!“ Die Gentlemen stehen in Reichweite zu einem Diener, der ein Tablett auf flacher Hand balanciert, darauf gefüllte Sektgläser stehen. Ich gehe auf die Gruppe zu und werde den Herren als „adventurer“ vorgestellt. Die schauen eher abfällig als anerkennend auf den Abenteurer herab. Bleiben aber höflich und fragen, ohne meinen Ausführungen zuzuhören, nach meinen Eindrücken und Erlebnissen. Ich spüre, dass deren Gedankenflüge in anderen Sphären weilen. So trage ich meinen Lagebericht kurz und langweilig vor. Über meinen Kopf hinweg sprechen die noblen Herren über Geschäfte und Beziehungen und die politische Lage. Ich fühle mich überflüssig und blicke mich in dem Gefühl der Entbehrlichkeit nach anderen Menschen suchend in dem Bestreben um, meinen Gesprächsanker bei aufmerksameren Zuhörern auszuwerfen.

Am gegenüberliegenden Ende des Saales nehme ich eine Runde sitzender Damen in angeregtem Plausch wahr. Nur der Höflichkeit halber schlendere ich an ihnen vorbei und nicke den Ladies, das Sektglas erhebend, lächelnd zu. Abrupt brechen die Damen ihre eifrigen Plaudereien ab und grüßen überschwänglich zurück: „Hi! How are you?“

„Nice to see you!“

„What a beautiful guy!“

„Look, how shy he is!“

Ich wolle sie in ihren Gesprächen nicht stören, beschwichtige ich sie und setze den Fluß zum Weitergehen an.

„Nein, nein, du störst nicht. Nur, was wir bereden, dürfte für dich nicht von Interesse sein.“

Ich empfinde dies als versteckte Aufforderung nachzufragen, wovon der Gesprächsstoff denn handle?

„Female Genital Mutilation“, erklingt empört ein vielstimmiger Chor.

Ich verstehe nicht was sie meinen, so gut ist mein Englisch nicht. Hilflos und verdutzt schaue ich drein.

(Leicht geänderter Textauszug aus: Nandinda, „Draußen ist Freiheit… Eine deutsche Nachkriegsbiographie“, Deutsche Literaturgesellschaft, Berlin 2009)
Veröffentlicht mit freundlicher Genehmigung des Autors Dr. Björn Pätzoldt


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