Somalia aktuell
Trennlinie

„Draußen ist Freiheit… Eine deutsche Nachkriegsbiographie“ – Teil 6

Trennlinie

Nun erst werde ich wieder gewahr, dass ich nicht alleine bin. So sehr hatte ich mich im Panorama verloren. Ich schaue die Frau neben mir auf dem Rücksitz mit prüfenden Blicken an. Mitte Dreißig schätze ich sie ein, zu alt um mich ihr hingezogen zu fühlen. Die Höflichkeit gebietet, Interesse zu zeigen, und so frage ich sie, was sie denn hier in Somalia zu tun habe? Krankenpflegerin sei sie, erwidert sie mir, im Dienste einer Caritas, und Missionsarbeit betreibe sie auch.

„Gibt es hier christliche Missionsstationen?“, will ich von ihr erfahren.

„Nein, du musst wissen, dies ist ein islamisches Land, da ist die Evangelisation nicht gerne gesehen und verboten. Ich bin eine Laienpredigerin. Vor allem will ich die Menschen bekehren, von der Genitalverstümmelung zu lassen...“

„Ist die Beschneidung ein islamischer Brauch?“ Ich will das Gespräch auf eine höhere, bildungsbeflissene Ebene lenken.

„Verstümmelung, meinst du“, ermahnt sie mich und klärt mich darüber auf, dass dies mit dem ursprünglichen Islam nichts zu tun habe: „Im Ghor´aan steht davon nichts geschrieben! Aber verharmlose diese Schlächterei nicht, sag´ nie mehr Beschneidung dazu!“

Womit wir beim eigentlichen Thema wären. Mir ist das unangenehm, ich habe genug gehört und muss dennoch mehr erfahren. Der Fahrtwind jedoch rauscht in den Ohren zu laut, als dass es angezeigt wäre, in dieser Situation ein ernsthaftes Gespräch zu führen. Ich schiebe meine Fragen auf später hinaus und lösche meinen Wissensdurst mit schweifendem Blick in die Ferne. Gedankenverloren schaue ich über die weiten Felder hinweg. Dort erspähe ich eine Schar Geier über Tierkadavern kreisen. In der Umgebung liegen auch nackte Elefantenschädel herum, um die sich kein Vogel schert. Wir fahren etwa zwei bis drei Stunden bis wir Jawhar erreichen. Dort tummeln sich Menschen auf einem Platz, Männer vor allem und neben ihnen verschleierte Mädchen.

Der Jeep hält am Marktplatz an, wir steigen aus und begeben uns in das Getümmel hinein.

„Das Schlimmste steht diesen Mädchen jetzt erst bevor“, meldet sich die Schweizerin wieder zu Wort.

„Weil sie an einen fremden Mann verkauft werden und ihn heiraten müssen?“, frage ich, die Antwort vorlaut vorwegnehmend.

„Das ist arg genug, das Schlimmste aber ist das noch nicht! Du hast ja gestern schon gehört, auf welch brutale Weise die Mädchen als kleine Kinder mit verbundenen Augen und einem Holzstück zwischen den Zähnen, um die Schmerzensschreie zu ersticken, beschnitten... zerstümmelt und zugenäht werden. Durch das kleine Loch fließt der Urin nur schwer ab. Zehn bis zu dreißig Minuten brauchen die Kinder, ihre Blase zu entleeren. Und wenn sie ins Menstruationsalter kommen, fließt auch das Blut nur langsam ab und gerinnt hinter der Narbe. Das kann zu schwersten Infektionen führen und äußerst schmerzhaft ist das auch...“

Ich schüttele mich vor Unbehagen und spüre die Schmerzen im eigenen Unterleib. Ein Film gestauter Tränen spannt sich über die Haut meiner Augen. Verschwommen nehme ich die Wirklichkeit wahr. Ich schließe meine Lider, will meine Gedanken von den Bildern des Grauens befreien. So sehr ich mich dem Gräuel auch zu verschließen versuche, die Gefühle aus Abscheu und Mitleidenschaft sind stärker als mein Begehren mir nicht vorzustellen, was diese Frauen erleiden. So sehr ich das Nachempfinden auch zu verdrängen versuche, die Höllenqualen der verstümmelten Mädchen drängen sich mir auf. Das dürften nicht nur die Schmerzen sein, die unerträglich sein müssen. Es ist auch die Erniedrigung, die alle Würde raubt. So viel habe ich nicht wissen wollen, und doch ist mir bewusst, dass ich vor dieser Wahrheit die Augen nicht verschließen darf. Nun aber habe ich genug erfahren. Mehr will ich darüber nicht hören!

Doch die Schweizer Aufklärerin lässt von dem Thema nicht ab: „...In der Hochzeitsnacht schneidet der Mann die Naht wieder auf, um in die Frau eindringen zu können. Das ist ein Martyrium!“

„Und wenn die Frau später ein Kind gebiert“, fährt die Schweizerin fort, „muss sie noch einmal mehr als gewöhnlich leiden. Das vaginale Narbengewebe ist unelastisch und öffnet sich nicht und wird ohne Betäubung noch weiter aufgeschnitten. Danach wird für vierzehn Tage alles wieder zugenäht. Bis der Mann wieder penetrieren will. Dann wird sie wieder mit einem Messer geöffnet. So geht das ein ganzes Geschlechtsleben lang.“

Ich kann, ich will das alles nicht mehr hören und wende mich angewidert ab.

Die Schweizerin geht auf die Männer zu und bietet ihre Dienste an. Sie wolle die Mädchen und die verheirateten Frauen betreuen in ihrer schweren Zeit und ihnen Pflege angedeihen lassen.

„Am besten wäre es...“, hört er sie sagen, ihr Gehilfe übersetzt ihre Worte: „...ihr verzichtet auf diese Sitte, eure Töchter oder Frauen weiterhin zu beschneiden.“

Die Männer schauen sie fassungslos an.

(Leicht geänderter Textauszug aus: Nandinda, „Draußen ist Freiheit… Eine deutsche Nachkriegsbiographie“, Deutsche Literaturgesellschaft, Berlin 2009)
Veröffentlicht mit freundlicher Genehmigung des Autors Dr. Björn Pätzoldt


« zurück zum fünften Teil von „Draußen ist Freiheit…“

« zurück zum ersten Teil


© Copyright 2018 m.w. Verlag GmbH