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Der Bürgerkrieg in Somalia

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Der zweite Bürgerkrieg

Ali Mahdi (Hawiye-Abgal) erfüllte die Auflagen, die ihm gemacht wurden, doch überging er den legal gewählten Präsidenten des USC, den General Mohammed Farah Aidid (Hawiye-Habr-Gidir). Dies führte dazu, dass der USC im September 1991 in zwei verfeindete Lager zerfiel. Es brachen Kämpfe in Mogadischu aus, die sich bald über das ganze Land ausbreiteten. Die Hauptstadt spaltete sich in zwei militärische Zonen, die jeweils von den Habr-Gidir und den Abgal kontrolliert wurden. Aber auch kleinere Hawiyer-Gruppierungen besaßen ihre eigenen Milizen und Einflusszonen. Diese verbündeten sich lose mit den Habr-Gidir oder Abgal, doch wechselten die Allianzen öfter.

Diese neue militärische Auseinandersetzung führte dazu, dass endgültig alle staatlichen Strukturen völlig zerstört wurden. Das ganze Land spaltete sich in Aidid- oder Mahdi-Anhänger. Alle Clans ergriffen Partei für den einen oder den anderen.

Von November 1991 bis Februar 1992 hatte der Bürgerkrieg etwa 10.000 Todesopfer und bis zu 30.000 Verletzte gefordert. Nicht nur in der Hauptstadt tobten Kämpfe: in Kismayo fanden bewaffnete Auseinandersetzungen zwischen Darod-Clans statt (Ogaden, Marehan, Majerten). Außerdem gab es Angriffe von Barre-Anhängern auf Mitglieder des Clans der Rahaweyn in der Stadt Beidoa.

Im März 1992 endete der Krieg in Mogadischu mit einem Patt. Es wurde ein Waffenstillstand unter der Vermittlung der UNO ausgehandelt, der aber nur für Mogadischu galt und weitgehend eingehalten wurde, doch durchzogen weiterhin Plündererbanden die Hauptstadt. An den Vermittlungen der UNO waren die neutralen Hawiye-Clans nicht beteiligt. Nach dem erfolglosen Bemühen dieser Hawiye-Clans, zwischen Mahdi und Aidid zu vermitteln, gaben diese ihre Neutralität auf und schlossen sich einer der beiden Fraktionen an. In dem zweiten Konflikt zwischen der Allianz der SNA und der SNF der südlich von Mogadischu bis zur kenianischen Grenze stattfand, vermittelte die UNO nicht.

Der ehemalige Diktator Siad Barre ließ im April 1992 seine verbliebene Truppe, die sich vorwiegend aus Marehani zusammensetzte, von Baidoa aus mit schwerem militärischem Gerät (Panzer, Artillerie und Raketenwerfern) auf Mogadischu vorrücken. Er erreichte die Stadt Afgoi, die nur 30 Kilometer westlich von Mogadischu entfernt liegt, und verursachte eine Massenflucht unter der Zivilbevölkerung. Ali Mahdi rief eine "nationale Mobilmachung" aus und forderte zu einer "gemeinsamen militärischen Offensive" auf. General Aidid startete eine Gegenoffensive, schlug die Barre-Kämpfer und rückte bis Beidoa vor. Barre floh aus Somalia und erhielt in Nigeria politisches Asyl.

Ebenfalls im April des Jahres 1992 sollen, laut einem Bericht von Amnesty International, Truppen des USC ein Massaker in der südwestsomalischen Stadt Bulohawo an der Zivilbevölkerung verübt haben. Frauen, Kinder und alte Männer sollen demzufolge im Stadtzentrum zusammengetrieben und nach Stammeszugehörigkeit sortiert worden seien. Die zum Clan der Darod gehörenden Menschen folterte und tötete man. Truppen Siad Barres sollen laut eines somalischen Journalisten zwischen Februar 1991 und April 1992 ein Massaker in der Baydabo-Region an der Zivilbevölkerung begangen haben.

Die bewaffneten Auseinandersetzungen und der daraus resultierende Hunger hatten zu diesem Zeitpunkt mindestens 500.000 Somalis (vielleicht aber auch eine Million) gezwungen, auf der Suche nach Wasser, Lebensmitteln und Sicherheit in die Nachbarländer Kenia, Dschibuti, Jemen und Äthiopien zu flüchten. Durch die Trockenheit, Krieg und Plünderungen kam es zu einem breiten Viehsterben, dann zum alltäglichen Hungertod der Menschen. Die organisierte Landwirtschaft zerstörten die marodierenden Soldaten völlig.

Nach Angaben des Roten Kreuzes starben täglich etwa 100 Kinder an Hunger. Die Organisation "Save The Children" bezifferte die Zahl der verhungerten Kinder sogar allein in Mogadischu auf täglich 200. Zwischen 30.000 und 41.000 Menschen sind allein durch wahllose Beschießung von Wohnvierteln umgekommen oder wurden verwundet.

Die Hilfswerke konnten nur unter größten Problemen die Hilfsgüter verteilen. Überall forderten bewaffnete Auseinandersetzungen um Lagerhäuser und Lastwagenladungen Tote, oft auch unter den Mitarbeitern von Hilfswerken. Diese Hilfsorganisationen wurden zum Hauptgeldgeber für die Bevölkerung, da alle offiziellen wirtschaftlichen Strukturen zusammengebrochen waren. Die verschiedenen Clanmilizen bauten ein System der Schutzgelderpressung auf und stahlen Hilfsgüter von den privaten Hilfsorganisationen, die auf dem freien Markt zu überhöhten Preisen angeboten wurden. Durch das Anmieten von "Schutztruppen" unterstützten die ausländischen Hilfsorganisationen die Clanmilizen und schürten dadurch die Auseinandersetzungen unter den Somalis. Nur wenige Hilfsorganisationen waren bereit, unter diesen erschwerten Bedingungen zu arbeiten. Zu ihnen zählten Save the Children Fund, Médecins Sans Frontières, International Medical Corps und die SOS-Kinderdörfer sowie das Internationale Komitee vom Roten Kreuz (IKRK), das zu diesem Zeitpunkt circa 50% seines gesamten Budgets für Somalia aufbrachte.

Um überhaupt sinnvolle Hilfsarbeit leisten zu können, sind exakte Kenntnisse über das Geflecht der Clans und Subclans erforderlich. Anfang Mai 1992 gelang es dem Roten Kreuz auf Grund von monatelangen Verhandlungen mit den Chefs sämtlicher betroffener Clans, Subclans und Familien, rund 12.000 Tonnen Lebensmittel und andere Hilfsgüter an verschiedene Orte außerhalb Mogadischus entlang der Küste an Land zu bringen. Das Schiff, das diese Hilfsgüter brachte, schaffte es auch, kurz darauf in Mogadischu anzulegen und 5.000 Tonnen Hilfsgüter zu löschen. Allmählich kamen die internationalen Nahrungsmittellieferungen in Gange. Das Rote Kreuz lieferte monatlich etwa 22.000 Tonnen, andere Organisationen, wie Care International und das Kinderhilfswerk der Vereinten Nationen (Unicef), weitere 14.000 Tonnen. Im August 1992 lief auch amerikanische Hilfe an, die 140.000 Tonnen ins Land bringen sollte. Trotz dieser enormen Hilfslieferungen konnte die Hilfe nicht gleichmäßig verteilt werden, denn es gab ständige Übergriffe auf Hilfskonvois und ein großer Teil der Hilfsgüter musste als "Zoll" an die lokalen Banden abgegeben werden. In diesem Kontext wurde der Ruf durch die Hilfsorganisationen nach militärischem Schutz laut, um die Hungernden angemessen versorgen zu können.

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Autor: Dipl.-Pol. Mathias Weber.
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Weitere Infos zum Bürgerkrieg in Somalia können Sie in dem Buch "Kein Frieden für Somalia?" nachlesen.


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