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Interview mit hr2 vom 26.07.2011

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„Ach Somalia – Hilfe ohne Rettung“

hr2: „Verbunden bin ich jetzt mit Mathias Weber. Guten Abend.“

Mathias Weber: „Guten Abend.“

hr2: „Herr Weber, Sie sind Leiter des m.w. Verlags und Autor des Buches "Kein Frieden für Somalia". Ist das, was wir gerade gehört haben ein Beleg dafür, dass die UNO unfähig und vielleicht sogar 'ein zahnloser Tiger' ist?“

Mathias Weber: „In Somalia sind vielfältige Probleme vorhanden. Es gab schon einmal einen großen UNO-Einsatz von 1992 bis 1995 in Somalia, bei dem die UNO massiv mit militärischen Truppen eingriff. Das Problem damals war, dass die UNO-Truppen zu einer Konflikt-Partei wurden und auch viele unschuldige Menschen umbrachten. Die eigentliche Intention damals war, Hilfslieferungen abzusichern und die Menschen zu versorgen. Aber daraus wurde dann ein großer militärischer Einsatz, indem sich die UNO- Truppen letztlich nur noch verteidigten.“

hr2: „Aber ist das nicht vielleicht der Weg, um dort eine Schneise reinzuschlagen, dass man militärisch eingreift?“

Mathias Weber: „Das ist sehr schwer zu sagen, weil ausländische Truppen immer als Feinde angesehen werden. Was dazu führt, dass die Clans dann gemeinsam gegen den äußeren Feind kämpfen. Viel wichtiger ist es, meiner Meinung nach, dass man vor Ort Hilfszentren aufbaut. Dass man Schulen und Gesundheitszentren unterstützt und man in den Gebieten Aufbau betreibt, wo es keine großen Konflikte gibt. Somalia ist sehr groß, nicht überall gibt es große Konflikte. Es gibt vor allem im Norden von Somalia oder im Puntland Regionen, die nicht so stark umkämpft sind. Dort wäre es sinnvoll, massiv Hilfe zu leisten und den Menschen eine Lebensperspektive zu geben. Es müsste eine Art "Leuchtturmfunktion" hervorgerufen werden, damit die Menschen sehen, dass in den friedlichen Gebieten die Wirtschaft wächst und dass man eine Lebensperspektive hat.“

hr2: „Herr Weber, bedarf das denn nicht doch einer konzentrierten Aktion der internationalen Gemeinschaft, der UNO? Oder gibt es zu wenig wirkliche Interessen an diesem Land, die die internationale Gemeinschaft gerne für sich reklamieren würde: zum Beispiel Rohstoffe?“

Mathias Weber: „Ich glaube schon, dass es Interessen gibt, Somalia zu befrieden. Allein wegen der Schifffahrtsrouten die entlang der somalischen Küste verlaufen. Ferner möchten die USA und Äthiopien verhindern, dass sich ein islamischer Gottesstaat etabliert.“

hr2: „Gibt es den schon, Herr Weber?“

Mathias Weber: „Im Süden Somalias gibt es den islamischen Gottesstaat sicherlich schon. Das bedeutet, dass die Menschen sehr stark unterdrückt werden. Deswegen setzt die USA dort schon Drohnen ein, um islamistische Truppen zu bekämpfen.“

hr2: „Es sollen also die Piraterie und Gefahren für den Welthandel bekämpft werden. Stichwort Rohstoffe?“

Mathias Weber: „Es gibt Gerüchte oder Meldungen, dass es in Somalia Öl geben soll. Sicherlich hat der Westen auch Interesse daran. Wenn der Ölpreis weiter steigt, wird auch Somalia interessanter wegen der Möglichkeit, Öl zu fördern.“

hr2: „Herr Weber, Sie haben in ihrem Buchtitel "Kein Frieden für Somalia?" den Dollpunkt erwähnt. Man muss nicht immer auf die UNO schauen. Könnte man nicht fragen, warum die Staaten der arabischen Liga nicht helfen, wo doch Somalia ein Mitglied ist?“

Mathias Weber: „Die arabische Liga ist sehr zerstritten und teilweise auch sehr schwach. Es stehen nicht die Mittel zur Verfügung, dass man in Somalia massiv eingreifen könnte.“

hr2: „Eine gewisse Zurückhaltung der afrikanischen Staaten ist auch festzustellen, bspw. hält sich Südafrika raus.“

Mathias Weber: „Ja, richtig. Es war ja auch sehr schwer für die Afrikanische Union ,Truppen zusammenzustellen. Viele afrikanische Staaten haben abgewunken und waren nicht bereit ihre Soldaten nach Somalia zu schicken.“

hr2: „Interessiert die das einfach nicht oder gibt es dort keine Interessen, die sie dort verwirklichen können?“

Mathias Weber: „Ich glaube, dass die afrikanischen Staaten Angst davor haben, in einen Konflikt hineingezogen zu werden. Man hat bei dem großen UNO-Einsatz von 1992 bis 1995 gesehen, dass man in Somalia sehr schnell zu einer Konflikt-Partei werden kann, sodass man kein Ende absehen kann und sich alles verselbstständigt. Ich glaube, dass die Afrikanische Union lieber die Finger davon lässt und nichts riskieren will.“

hr2: „Das heißt, dass sie mit offenen Augen riskieren, dass in Somalia zwischen 500.000 und einer Million Menschen aufgrund der Dürre-Katastrophe sterben?“

Mathias Weber: „Ja.“

hr2: „ist nicht wirklich brüderliche und schwesterliche Hilfe in Afrika, oder?“

Mathias Weber: „Ja, solche Situationen gab es öfter.“

hr2: „Ich merke, dass Sie schon einen gewissen Zynismus oder vielleicht auch Realismus in dieser Frage entwickelt haben.
Mathias Weber war das, haben Sie vielen Dank. “

Mathias Weber: „Danke auch.“


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