• Aktuelle Meldung vom 10.07.2013:

    TV-Tipp: Somalias Comeback? 3Sat, Freitag, 12. Juli 2013, 21.00 Uhr

    von Mathias Weber
    Programmankündigung von 3Sat, Nano: Mogadischu gilt als eine der gefährlichsten Städte der Welt. Umso erstaunlicher, dass Somalis derzeit in großer Zahl aus der Diaspora zurückkehren. Was ist da los? Die Somalis nehmen ihre Zukunft endlich selbst in die Hand! makro "Somalias Comeback?" Freitag, 12. Juli 2013, 21.00 Uhr Wiederholung: Sonntag 6.15 Uhr - Ein Film von Katrin Sandmann
    Wer einen Neuanfang wagt, sollte nach Mogadischu reisen. An jeder Ecke der Hauptstadt wird gebaut. Es entstehen Schulen, Unis, Hotels und Restaurants. Und die setzen einen völlig neuen Wirtschaftskreislauf in Gang. Plötzlich gibt es Jobs in Hotels und Geschäften. Viele Somalis kehren aus dem Exil in den USA oder Europa in ihr Land zurück. Sie haben Geld, eine gute Ausbildung und Geschäftsideen im Gepäck.

    Doch warum jetzt? Weil das Land seit September 2012 wieder eine ernstzunehmende Regierung hat - die erste seit gut 20 Jahren. Gerade haben die USA und der Weltwährungsfonds IWF sie anerkannt.

    Dass Somalia Potential hat, davon sind Experten überzeugt. Doch wie viel Potential? Und wo steckt es? Reporterin Katrin Sandmann trifft Investoren - große wie Luxusimmobilienunternehmer und kleine wie Hussain Ahmed Mohammad, der gerade erst aus Norwegen zurückgekehrt ist und jetzt mit einem Taxiunternehmen satte Profite macht. "Ein bisschen Risiko gibt es doch immer", meint er fröhlich und erzählt von Chinesen und Indern, die sich an seinem boomenden Business beteiligen möchten. Das Wichtigste: Die vielen Rückkehrer schaffen mit ihren Geschäftsideen Jobs.

    Somalias Comeback?
    Teil 1 - Neuer Optimismus
    Woher, fragt man sich, kommt der Optimismus vieler Somalier? Mehr als 20 Jahre herrschten hier Bürgerkrieg und Anarchie und Mogadischu ist in weiten Teilen ein kugeldurchsiebter Trümmerhaufen.Geschätzte 1 bis 1,5 Millionen Menschen leben in Somalias Hauptstadt. Hier und im gesamten Land fehlen fast alle Strukturen, die ein Staat zum Funktionieren braucht. Also Sicherheitsorgane, eine Gerichtsbarkeit oder Steuereinnahmen. Der Bürgerkrieg, der von 1991 bis vor kurzem in Somalia tobte, war ein außergewöhnlich langer und blutiger. In Teilen Somalias kämpfen die islamistische Al-Shabab Milizen noch immer um die Vorherrschaft. Die Hauptstadt Mogadischu gilt als einigermaßen befriedet.

    Internationale Unterstützung Genau hier verkündigten Somalias Präsident Hassan Sheik Mohamud und der frisch gekürte UN-Sondergesandte Nicholas Kay vor wenigen Wochen den Neuanfang. Die Botschaft: Somalia, der gescheitertste aller gescheiterten Staaten ist auf den Weg in eine bessere Zukunft - flankiert von der internationalen Gemeinschaft, die nach 22 Jahren Bürgerkrieg wieder an das Land am Horn von Afrika glaubt.

    Doch die Situation in Somalias Hauptstadt ist bestenfalls fragil. Das können auch die 17.000 Soldaten der Afrikanischen Union nicht ändern. Das Erstaunliche ist, dass selbst dieser brüchige Frieden allein 2012 mehr als 60.000 Exil-Somaliern schon als Aufbruchssignal gereicht hat. Sie kommen aus Kanada, den USA oder Europa auf dem kleinen Flughafen von Mogadischu an. Warum kommen sie jetzt zurück? Und was hoffen sie zu erreichen? Können Sie Somalia tatsächlich wieder aufbauen?

    Mogadischu startet durch Auf den ersten Blick ist alles, aber auch wirklich alles in Somalia sagenhaft heruntergekommen. Selbst die Schlaglöcher haben hier noch Schlaglöcher. Das öffentliche Verkehrssystem besteht bestenfalls aus einigen Dutzend verbeulten Sammeltaxen. Umso mehr fallen die funkelnagelneuen Taxen auf, die vorsichtig durch das löchrige Straßenchaos navigieren.




    Hinter "Mogadischu Taxi" steckt Hussain Ahmad Mohammad, der bis vor kurzem noch in Norwegen zu Hause war. Ein bisschen Risiko sei immer aber jetzt der Zeitpunkt in Mogadischu zu investieren, wolle man Profite machen, sagt er. Seine Fahrer bestätigen, dass sie bis zu 70 Dollar am Tag verdienen. Das gleicht in Somalia einem Vermögen. Und das die Idee mit den Taxen keine schlechte ist, hat sich herumgesprochen. Selbst Chinesen und Inder wollen in das Geschäft einsteigen.

    Somalias Comeback?
    Teil 2 - Hochbau - Tiefbau - Umbau
    Die Auswirkungen der Rückwanderungswelle auf die somalische Wirtschaft sind enorm. Sie schlägt sich auch im Stadtbild nieder. Überall schießen neue Gebäude aus dem Boden - Restaurants, Hotels, Geschäfte.Das Restaurant "Karmel" ist nur eine von vielen Neueröffnungen. Bis vor kurzem betrieb Inhaber Abdinasir Warsame noch einen Supermarkt in Stockholm. Die Tatsache, dass er die gesamte Familie nach Somalia mitgebracht hat, spricht Bände über seine Entschlossenheit. "Beim Bau des Restaurants hatten wir keinerlei Probleme", erklärt er. "Die Stadtverwaltung hat uns machen lassen. Sie hat ja ein Interesse an Unternehmen wie unserem, weil sie die Stadt aufwerten. Mit dem, was wir hier machen, schaffen wir Jobs. Das ist gut für Mogadischu."

    Immobilienboom Es sind Rückkehrer, die Mogadischu ein neues Aussehen bescheren. Es sind die für sie gebauten Häuser, Unis, Schulen und Hotels. Die Nachfrage nach Grundbesitz ist enorm. Mehrere somalische Inverstoren aus dem In- und Ausland haben sich zu einem ambitionierten Projekt zusammengetan: Sie bauen sechs Hochhäuser mit Grünanlagen, Sicherheitsdienst, verlässlichem Strom durch Solaranlagen, Swimmingpool und Tiefgaragen - mitten in Mogadishu. Die Drei- bis Vier-Zimmerwohnungen sollen nach Fertigstellung entweder für etwa 1300 Dollar vermietet oder ca. 250.000 Dollar verkauft werden.

    Zum Vergleich: Eine alleinstehende Villa kostet um die 800.000 Dollar. Nor Ali ist einer der Investoren. Er ist kein Rückkehrer, er baut nur für sie und macht damit gutes Geld. "Die Exil-Somalier kommen zurück und diese Stadt ist klein. Darum gehen die Preise in die Höhe", sagt er. Außerdem: "Die Rückkehrer bringen Geld mit. Der Geldkreislauf hier wird größer und das treibt natürlich die Preise."

    Wem gehört welches Land? Um 70 bis 80 Prozent, schätzt Ali, sind allein die Immobilienpreise in den vergangenen zwei Jahren in die Höhe geschossen. Dabei stehen viele Bauprojekte juristisch auf schwachem Fundament. Schon jetzt gibt es Streit, wem welches Land gehört, Unterlagen oder Gesetzte, die das regeln, gibt es kaum.

    "In den vergangenen 20 Jahren gab es keine legalen staatlichen Möglichkeiten Land zu kaufen", erklärt Ali. "Es gibt einige Anwälte, die sich darauf spezialisiert haben, und die früher bei der Regierung gearbeitet hatten, und bei ihnen halten wir unsere Verträge fest."




    Was diese Verträge morgen noch wert sind, weiß heute niemand. Aber nach 20 Jahren Bürgerkrieg sind die Somalier Meister der Improvisation und erfrischend fatalistisch in Sachen Zukunft. Wer sich traut, kann also Geschäft machen. Und wahrscheinlich trauen sich gerade jetzt so viele, weil sie noch keine Steuern zahlen müssen.

    Der Hafen sorgt für Einnahmen Doch wovon lebt der Staat? Neben 30 Millionen Dollar Hilfsgeldern von geschätzt 54 Millionen Dollar Einnahmen, die vor allem Flug- und Seehafen generieren. Das ist einigermaßen bemerkenswert. Denn bis vor kurzem kontrollierten hier allerhöchsten die Warlords die Vollständigkeit ihrer Waffenlieferungen. Nun sorgt eine iranische Firma mit Sitz in Dubai für Ordnung. Sie organisiert Teile des Hafens. Firmen aus China und Djibouti stehen für ähnliche Aufträge in der Bewerber-Schlange. Schätzungen zufolge werden in Mogadischus Hafen monatlich Güter im Gegenwert von etwa drei Millionen Dollar umgeschlagen.

    Somalias Comeback?
    Teil 3 - Mobiles "Finanzsystem"
    Ein Finanzsystem im engeren Sinne gibt es in Somalia nicht. Daher schaffen die Somalis sich gerade ihr eigenes System: Mobile Banking - ein Modell, das sich schon in anderen afrikanischen Ländern etabliert hat.Zu den guten Nachrichten gehört ganz sicherlich, dass das Problem mit der Piraterie vor Somalia rückläufig ist. Hielten die Meeresräuber 2012 noch 23 Schiffe gekapert, waren es ein Jahr später noch acht Schiffe.

    Die Somalier sind ein streng religiöses Volk. Aber sie sind keine Fanatiker. In der Bevölkerung haben die extremistischen Al-Shabab wenig Rückhalt. Trotzdem sind die Milizen, die noch bis 2011 in Mogadischu das Sagen hatten, und die mit dem Terrornetzwerk Al-Qaida verbündet sind, nicht einfach vom Erdboden verschwunden. Sie haben sich unter die Bevölkerung gemischt, agieren im Untergrund und schlagen in unregelmäßigen Abständen zu. Bislang hat das den neuen, positiven Entwicklungen keinen Abbruch getan.

    Bei Anruf Geld Unübersehbar ist, wie sich auch der Bankensektor entwickelt. Wechselgeschäfte und kleinere Transaktionen finden noch auf der Straße statt. Aber das ändert sich gerade. Nach Angaben der Weltbank überweisen Somalier jährlich 1 bis 1,5 Milliarde Dollar an Familie, Freunde und Geschäftspartner in Somalia, meist mittels Mobile Banking. Denn die wenigsten Somalier haben ein Konto. Aber eine wachsende Zahl verwaltet, überweist und bezahlt mit dem Mobiltelefon.

    Dafür zahlen Kunden bei ihrem Mobilfunkanbieter eine bestimmte Summe ein. Das Geld wird ihnen auf einem Konto im Handy gutgeschrieben. Wollen sie etwas bezahlen, schicken sie das Geld einfach an die Handynummer des Empfängers, egal ob größere Summen oder Cent-Beträge beim Einkaufen. Geldanweisungen aus dem Ausland können ebenfalls direkt aufs Handy transferiert werden. Brauchen sie cash, gehen sie zum Anbieter und heben es ab.

    Eine Gruppe von 40 Investoren hat Hormuud, einen der beiden großen somalischen Mobilfunkanbieter, gegründet. Nirgends in Afrika ist telefonieren günstiger. Und die Internetabdeckung verbreitet sich mit rasender Geschwindigkeit. Es steckt sehr, sehr viel Geld in dieser Branche. Die Frage ist, wer clever genug ist, maximal davon zu profitieren?

    Sonnige Aussichten Hormuud Telecom setzt dabei auch auf eine neue Geschäftsidee, die auf Kunden abzielt, die eigentlich keine sein können: Solarhandy für all die Menschen in Somalia, die keinen Zugang zum Stromnetz haben. Und das sind viele, wenn nicht die meisten, z.B. die 1,3 bis 2 Millionen Binnenflüchtlinge, also Menschen, die innerhalb des Landes vor Hunger und Kämpfen geflohen sind. Sie wohnen in trostlosen Zeltstädten, viele davon mitten in Mogadischu. Bislang kümmert sich kaum jemand um sie. Mogadischu gilt den meisten Hilfsorganisationen als zu gefährlich.

    Genau deshalb hat die Telefongesellschaft gerade hier 3000 solarbetriebene Handys verteilt. - kostenlos, eine Art Probephase. Mobile Banking soll die Helfer ersetzen, die sich hier eh nicht hertrauen. "Unser Volk ist arm und auf Hilfe von außen angewiesen", erklärt Abdihakim Hassain Idow von Hormud Telecom Somalia. "Spender oder Hilfsorganisationen können das Leben der Flüchtlinge verbessern. Mit unserem "Solar Mobile Banking" können sie die Hilfsbedürftigen direkt erreichen, ohne Geld an Mittelmänner, die meist Profiteure oder Banditen sind, zu verlieren."

    Somalias Comeback?
    Teil 4 - Hilfe unterm Halbmond
    Wie sieht es mit Auslandsinvestitionen aus, jetzt wo sich die Lage stabilisiert hat? Die Türkei entwickelt Interesse - und zwar nicht ganz uneigennützig. Man scheint daran zu glauben, dass sich ein Investment in Somalia lohnt.Als fast einziges nicht-afrikanisches Land unterhält die Türkei eine Botschaft mitten in Mogadishu. Sie investiert als eine der wenigen Nationen massiv in Hilfsprojekte. Eine humanitäre Mission, heißt es offiziell, aber wohl auch Teil der türkischen Afrika-Strategie. Der Kontinent wird ein immer wichtigerer Handelspartner.

    Die Anfänge 2011, erinnert sich der Leiter einer türkischen Schule in Mogadischu, waren abenteuerlich: Als sie 2011 die Schule eröffnet hatten, haben sie nur Kopfschütteln geerntet. Als seien sie verrückt - "Was macht Ihr hier, mitten in den Kämpfen und in dieser Armut?" Heute unterrichtet die türkische Hilfsorganisation Nile Foundation 260 Jungen. Eine Mädchenschule soll demnächst eröffnet werden. Das klar formulierte Ziel: "Wir möchten das Ausbildungsniveau im Land heben, Frieden schaffen und damit Somalia den Weg in eine bessere Zukunft ebnen."

    Die Türken scheinen fest daran zu glauben, dass sich ein Investment in Somalia lohnt. Ob andere Nationen bald nachziehen, beantwortet Nicholas Kay, der UN-Sondergesandte etwas ausweichend: "Auch nach Jahrzehnten des Konfliktes und blutigen Bürgerkrieges ist es mit Unterstützung der internationalen Gemeinschaft nicht unmöglich, den Neuanfang zu schaffen. Es ist machbar und wir sollten es gemeinsam tun, hier in Somalia."

    With a little help from my friend… 300 Millionen Dollar hat die international Gemeinschaft Somalia auf einer Geberkonferenz in London versprochen. Das klingt gut. Aber hält sie ihr Versprechen? Zakia Hussen, politische Analystin in Somalias erstem Think Tank, ist optimistisch, dass die Anstrengungen des Landes honoriert werden: "Es gab hier enorme Fortschritte. Deshalb hat die internationale Gemeinschaft auch ihre Einstellung geändert. Jetzt wollen alle Somalia stabilisieren, so schnell und effektiv wie möglich."

    Die Menschen in Mogadischu hätten Regierungen kommen und gehen, Begeisterung aufflammen und abebben sehen. Vielleicht seien die Exil-Somalier deshalb etwas enthusiastischer als die Menschen hier. "Wir Rückkehrer unterstützen die neue Regierung mit allen Mitteln", fügt sie hinzu. Schafft Somalia also sein Comeback?

    Quelle: Programmankündigung von 3Sat

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    "Somalias Comeback?"

    Freitag, 12. Juli 2013, 21.00 Uhr
    Wiederholung: Sonntag 6.15 Uhr

    Ein Film von Katrin Sandmann

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Im Land der Piraten
08.02.2013 SPIEGEL.TV

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